Schattenprofile: Datensammeln durch die Hintertür

Schattenprofile © margie / photocase.de
Schattenprofile © margie / photocase.de

Ich bin nicht auf Facebook, ich war noch nie auf Facebook und auch in Zukunft werde ich mich Herrn Zuckerbergs Volksalmosen verweigern. Es gibt von mir auch keine Redeschnipsel oder Selfies bei den Unternehmenstöchtern WhatsApp und Instagram. Und auch das wird so bleiben. Warum? Weil mir meine Privatsphäre etwas bedeutet und weil ich nicht zulassen will, dass moralbefreite Silicon-Valley-Glücksritter jedes Stückchen meiner Persönlichkeit zu Geld machen.
Trotzdem hat Facebook ein Profil von mir angelegt – ein sogenanntes Schattenprofil. Der Datenriese kann nicht nur persönliche Informationen aus dem Online-Verhalten seiner Nutzer, sondern auch Persönlichkeitsprofile seiner Nicht-Nutzer berechnen.

Wie ich „Schatten“-Mitglied werde

Bei der Registrierung – das Prozedere liegt bei vielen bestimmt schon einige Jahre zurück -will WhatsApp den Zugriff aufs Adressbuch. Natürlich gibt es viele Freunde, Kollegen und auch Familienmitglieder, die dann meine Kontaktdaten an den Mutterkonzern Facebook geliefert haben. Obwohl das ganz klar Freundesverrat – und übrigens nach deutschem Datenschutzrecht sogar illegal – ist, haben die meisten Nutzer in ihrer Gier nach „kostenlosen“ Services recht wenige Hemmungen. Facebook kann anhand der gehorteten Datenschätze ziemlich einfach ableiten, wer mit wem im Kontakt steht. Die Tür zu den Nicht-Facebook-Mitgliedern öffnet sich für den US Konzern damit über die Informationen der Mitglieder.

Verknüpfungen außerhalb des Netzwerkes

Schon 2012 haben Heidelberger Forscher die automatische Generierung von sogenannten Schattenprofilen untersucht. Sie kamen zu folgendem Ergebnis: „Dieses sehr grundlegende Wissen darüber, wer mit wem in einem sozialen Netzwerk bekannt ist, lässt sich mit Informationen darüber verknüpfen, wen Nutzer außerhalb des Netzwerks kennen. Mit dieser Verknüpfung kann dann wiederum ein wesentlicher Teil des Bekanntschaft-Netzes zwischen Nicht-Mitgliedern abgeleitet werden“, erläutert ein Studienbeteiligter.

Bug zeigt Verknüpfung

Ein Jahr später – 2013 – öffnete Facebook für die Nutzer versehentlich sechs Millionen E-Mail-Adressen und Telefonnummern. Der Fehler war schnell behoben, aber viele Anwender stellten im Nachgang fest, dass ihre Telefonnummern mit Ihren Profilen verknüpft wurden. Sie hatten aber die Telefonnummer nicht selbst hinterlegt. Das hat Facebook getan!

Aber nicht genug mit Namen und Telefonnummern. Sie wissen selbst, was Sie in Ihrem digitalen Adressbuch so alles notieren – angefangen von Wohnungsadressen, weiteren Telefonnummern und E-Mail-Adressen, Berufsbezeichnungen, Geburtsdaten bis hin zu persönlichen Notizen wie Bankverbindungen und so weiter. Jetzt können Sie sich vorstellen, welche Schätze soziale Netzwerke besitzen, um damit detaillierte Profile über Nicht-Mitglieder anzulegen.

Schattenprofile: Wer mit wem

Der US-Journalistin Kashmir Hill wurde beispielsweise auf ominöse Art ein bislang fremdes Familienmitglied vorgeschlagen, das selbst kein Nutzer von Facebook ist. Sie ging der Sache nach und schreibt in einem Artikel auf gizmodo, wie der Konzern Adressbücher und Nachrichten ausliest und so versucht, soziale Beziehungen von Menschen zu rekonstruieren.

David Garcia, ein Forscher der Technischen Hochschule Zürich (ETH), bestätigte jüngst die Schattenprofil-Hypothese in einer neuen Studie. Garcia bediente sich aus einem Datensatz der inzwischen stillgelegten Plattform „Friendster“, die der Forschung zugänglich ist. Der Forscher konzentrierte sich bei seinen Verknüpfungen auf die sexuelle Orientierung und den Beziehungsstatus von Nichtnutzern. Und er kam zu dem Ergebnis: Es ist sehr einfach Sexualität und politische Einstellungen über die Kontaktverknüpfungen zu erkennen.

Der Wilde Westen auf dem Datenmarkt

Ja, es ist mein persönliches Problem, dass ich meine Daten nicht gerne Facebook und sonstigen Datenkraken zur Verfügung stelle. Ich verzichte dafür auf viel Komfort in der Netzwelt. Und nein, trotz Schattenprofil ist mir jetzt nicht ohnehin alles egal. Einerseits.

Andererseits ist es aber auch eine gesellschaftliche Herausforderung. Lässt man Datenkonzerne einfach schalten und walten, kann ich als Bürger nicht mehr selbst entscheiden, welche Informationen ich gerne für mich behalten möchte. Das Schattenprofil ist erstellt – ohne mein Zutun, ohne mein Wissen, ohne Möglichkeit, dass ich es löschen oder korrigieren kann. Und damit wird meine Privatsphäre von Firmen zerstört, mit denen ich nichts zu tun habe(n möchte). Und Privatsphäre zählt zu den Menschenrechten!

Das geht so nicht! Es ist wie beim Klimagipfel: Am Anfang steht die Überzeugung Einzelner; die wird dann hoffentlich zu einer gemeinsamen Anstrengung, sich dem großen Thema Datenschutz zu stellen und dafür einzutreten.

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