Geht gar nicht!

Absurdes und Kommentiertes zum Netzgeschehen und zur Überwachung

 

Der ge-chip-te Arbeitnehmer

Geht gar nicht! ©knallgrün/Photocase2. Dezember 2018: „Bei Arbeitsantritt Mikrochip unter die Haut implantieren lassen.“ So oder ähnlich könnte zukünftig ein Vertragsbestandteil von britischen Angestellten aus dem Finanz- und Justizsektor lauten. Mit einem Chip erhalten Mitarbeiter sowohl bei Zutritt in das Unternehmen als auch bei Zugriff auf sensible Firmendaten erleichterten Zugang. Daneben wirbt der schwedische Chipanbieter damit, dass auch private Daten darauf gespeichert werden könnten, um beispielsweise das Auto zu starten oder persönliche Gesundheitsdaten aufzubewahren.
https://amp.theguardian.com/technology/2018/nov/11/alarm-over-talks-to-implant-uk-employees-with-microchips

Verstärkt so ein Chip unter der Haut des Mitarbeiters die Macht des Arbeitgebers? Ja! Denken Sie mal an Implantate von Haustieren. Man pflanzt sie den vierbeinigen Lieblingen ein, um sie zu identifizieren und zu orten. Außerdem ist der Arbeitnehmer mit einem solchen Eingriff auch noch körperlich gebrandmarkt.

Big Data für Hessens Big Brother

13. November 2018: Die hessische Polizei nutzt die Anti-Terror-Software „Gotham“ des Unternehmens Palantir aus dem Sillicon Valley. Palantir, benannt nach den sehenden Steinen aus „Herr der Ringe“, liefern Software ans Pentagon, FBI, die NSA und jetzt auch an die hessische Polizei. Hessens Polizei ist die erste in Deutschland, die mit „Gotham“ arbeitet.

Süddeutsche Zeitung: Wo die Polizei alles sieht

Das umstrittene Unternehmen mit besten Verbindungen zum US-Geheimdienst hat damit sein Auge auf die deutsche Polizei gerichtet und Zugriff auf hochsensible Daten.

Spione mimen Doktor

20. Oktober 2018: Alexa, die Sprachassistentin von Amazon, könnte schon bald zum Arzt mutieren. Jedenfalls hat Amazon ein Patent erworben, das Nutzerstimmen analysiert und daraus die körperlichen und seelischen Zustände des Sprechers „erkennt“. Starker Husten, gedrückte Stimmung, da schlägt Alexa im zweiten Schritt den Hustensaft oder gar gleich den Stimmungsaufheller vor.

Golem: Stimme des Nutzers verrät Alexa dessen Gesundheitszustand

Noch ist das alles Theorie, aber die Erfahrung lehrt: Was technisch möglich ist, wird meist früher als später eingesetzt. In diesem Fall geht es um zwei Dinge: Die Wanze im Wohnzimmer wird durch dieses Emotionserkennungssystem weiter verfeinert und diese sensiblen (und vielleicht auch gar nicht korrekten) Daten landen auf US-amerikanischen Servern. Desweiteren ist es natürlich mehr als bedenklich, wenn ein Unternehmen wie amazon durch Medikamentenvorschläge als Arzt fungiert. Es geht schließlich um unsere Gesundheit!

Bei Einreise bitte Passwörter bereithalten

12. Oktober 2018: So oder ähnlich kann es in Zukunft Reisenden nach Neuseeland gehen. Sie sind verpflichtet, Zollbeamten Zugang zu Handy oder Laptop zu gewähren, falls ein „begründeter Anlass“ besteht. Ansonsten droht eine Strafe von fast 3.000 €. Daten, die in der Cloud liegen, fallen nicht unter dieses Gesetz.

netzpolitik.org: Reisewarnung für Neuseeland

Auf unseren elektronischen Geräten ist bei umfassender Nutzung ein großer Teil unseres Privatlebens gespeichert – Kontakte, Chats, E-Mails, vertrauliche Dokumente, private Fotos und Videos … Mehr Verletzung der Privatsphäre geht kaum. Meine Empfehlung: ein Zweithandy für die Reise.

Krebsdiagnose = keine Handy-Vertragsverlängerung!

10. Oktober 2018: Tim Lobinger, ehemaliger Spitzensportler im Stabhochsprung, ist an Krebs erkrankt. Diese Nachricht hat er persönlich an die Öffentlichkeit gebracht. Und sie kam offensichtlich auch seinem Mobilfunkanbieter zu Ohren. Jedenfalls wollte dieser keinen neuen Handyvertrag mit Lobinger abschließen. Die Begründung: Er könne die Mindestlaufzeit aufgrund seiner Erkrankung wohl nicht mehr erfüllen. Ja, der Sportler hatte seine Krankheit selbst verkündet, aber die Datenmengen steigen durch Digitalisierung rasant. Und es wird für Unternehmen immer leichter Zugriff auf solche sensiblen Daten, beispielsweise über den Kauf von Tracking- oder Big-Data-Analysen, zu erhalten.

Welt: Wegen Krebserkrankung den Handyvertrag verweigert

Dieser Fall lässt erahnen, was passiert, wenn – egal durch welche Art der Übermittlung und Datentypen – Dritte unkontrolliert Einblicke in unsere Privatsphäre bekommen. Und es bestätigt uns, dass keinerlei Skrupel  bestehen, diese Daten gegen uns zu verwenden. Wenn das bei Kleinigkeiten wie einem Handyvertrag schon solche Ausmaße annimmt – wo führt uns das hin?

Warum Vivy nicht auf Ihr Smartphone gehört

21. September 2018: Mit der neuen Gesundheits-App „Vivy“ hat der Patient in Zukunft seine Krankenakte selbst in der Hand. Alle Befunde, Röntgenbilder und Laborwerte werden auf einer digitalen Akte gespeichert. Die kostenlose App übernimmt auch Terminerinnerungen bei wichtigen Impfungen oder Untersuchungen, erinnert an Medikamenteneinnahme oder warnt vor Nebenwirkungen.  Zudem nutzt „Vivy“ Schnittstellen zu anderen Gesundheits-Apps wie Apple Health, zu Fitness-Trackern und Sportuhren. 14 gesetzliche und 2 private Krankenversicherungen sind an dieser digitalen Akte beteiligt.

Gesundheitsdaten sind höchst sensibel und deshalb sehr begehrt – legal oder illegal erworben von der Werbeindustrie oder Cyberkriminellen.  Einen scharfen Blick  hatte IT-Sicherheitsexperte Kuketz auf die Datenschutzerklärung und den Softwarecode der „Vivy“-App und bezeichnet sie nach seiner Analyse schlichtweg als „Datenschutz-Bruchlandung“.

Kuketz Blog (18.09.2018): Gesundheits-App Vivy: Datenschutz-Bruchlandung
heise.de (20.09.2018): Datenschutzdebatte um neue Gesundheits-App Vivy

Wie bitte? Deutsche Krankenversicherer greifen nach unseren Gesundheitsdaten und gehen dann verantwortungslos damit um?
Ich empfehle: Erst mal Handy weg von „Vivy“. Jetzt meldete heise online, dass sich die Berliner Datenschutzbeauftragte, die für die Kontrolle von „Vivy“ zuständig ist, erneut darum kümmern werde. Ich bin gespannt…

 

Google kauft Transaktionsdaten von Mastercard

10. September 2018: Diese Meldung veröffentlichte Bloomberg in der vergangenen Woche. Die Mega-Datensammler wollen wissen, wo Kunden etwas gekauft haben und zu welchem Preis. Der Austausch von Mastercard und Google erfolgte ohne Kenntnis und Zustimmung der Kreditkartenbesitzer.

Für Google ist das eine prima Sache: Sie erfahren nicht nur alles über das Online-Verhalten des Kunden, sondern damit auch über das Offline-Kaufverhalten im stationären Handel. Angeblich erfolgte der Deal nur in den USA.

An diesem Skandal sieht man erneut, wie respektlos mit unseren Daten umgegangen wird. Einmal mehr denke ich: Bargeld ist gelebter Datenschutz.

 

Datenskandal bei der Berliner Polizei

04. September 2018: Polizisten haben sich unbefugt Zugang zu sensiblen Daten von Personen erschlichen – teilweise zu privaten Zwecken.

Erfasst werden diese Daten in der Datenbank POLIKS (Polizeiliches Landessystem zur Information, Kommunikation und Sachbearbeitung) und enthalten Informationen zu Straftätern sowie Tatverdächtigen,aber auch Daten von Opfern und Zeugen. Mehr als drei Millionen Einträge umfasst die von der Berliner Polizei genutzte interne Datenbank. Etwa 16.000 Beschäftige haben Zugriff darauf, schreibt der Berliner Kurier. Wie die Zeitung berichtet, wurden Informationen über das Privatleben einer Kollegin abgefragt, sowie Drogendealer mit Informationen versorgt.

Es ist ziemlich einfach Informationen von POLIKS zu erhalten: Man benötigt dafür nur die Personalnummer eines Kollegen oder einer Kollegin, der/die den entsprechenden Fall bearbeitet, und nach mehrmaliger Eingabe eines falschen Kennworts, wird der Benutzer-Account gesperrt. Ein Anruf bei der Hotline sichert dem Anrufer ein neues Kennwort, ohne Autorisierung der Person. Die Daten konnten auch unter falschen Namen abgefragt werden, was  mehrfach geschehen ist, so der Berliner Kurier.

Berliner Kurier (19.08.2018): Gestaltet Polizistin, verratene Razzien
heise.de (03.09.2018): Berliner Senat dementiert Sicherheitslücke im Polizeisystem

Ein gravierendes Sicherheitsleck: Wie erschreckend, dass hochsensible Daten einer Behörde so wenig geschützt sind. Es ist das eine, dass der Staat nach immer mehr Daten von seinen Bürgern giert. Diese aber nicht verantwortungsvoll zu verwalten, geht gar nicht!

 

Der Überwachungs-Hoody

20. August 2018: Sage mir, wie oft du deinen Tommy Hilfiger Lieblings-Hoody trägst, und die US-Modemarke belohnt dich mit Punkten über eine dazugehörige App. Logisch, je häufiger getragen, desto mehr Punkte werden gutgeschrieben. Die Punkteansammlung lässt sich dann in Gutscheine einlösen und die Träger werden zu exklusiven Veranstaltungen von Tommy Hilfiger eingeladen.

WearableTechnologies.com

Endlich kann ein Modelabel erfahren, was mit der Klamotte nach dem Kauf geschieht. Von wem, wo und wie oft wurde das Kleidungsstück getragen, wie lange liegt es im Wäschekorb und wie oft wird es überhaupt gewaschen?
So eine Überwachungsklamotte kann doch niemand ernsthaft tragen?

 

Chinesische Behörde kontrolliert die Apple iCloud

01. August 2018: Apple übergab kürzlich die Kontrolle über die iCloud-Daten chinesischer Nutzer an die staatlich kontrollierte Internetfirma GCBD (Guizhou-Cloud Big Data). Damit haben chinesische Behörden ab sofort Zugriff auf Daten von mehr als 130 Millionen Bürgern. Apple beugte sich nach eigenen Worten den neuen Cybersicherheits-Gesetzen der chinesischen Staatsführung.

The Verge:  Apple’s iCloud partner in China will store user data on servers of state-run telecom

Was für eine Heuchlerei vom größten börsennotierten Konzern der Welt: Erst im Jahr 2016 lehnte Apple einen Zusammenarbeit mit dem FBI ab – aus Datenschutzgründen. Der Konzern ließ sich dafür feiern. In China schaut man weg und will nicht auf das große Geschäft verzichten. Dabei bleibt halt mal der (besonders in diesem Land wichtige) Datenschutz der kleinen Leute auf der Strecke.

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