Denn sie wissen, was Du tun wirst – über Algorithmen

Algorithmen ©Lorenzo Cafaro/ pexels
Algorithmen ©Lorenzo Cafaro/ pexels

Sie haben unser Leben schon heute gut im Griff – die Algorithmen. Sie beeinflussen, welche Musik wir hören und welches Buch wir lesen, welche Routen wir fahren, wer uns auf Facebook zum Geburtstag gratuliert, ob wir einen Kredit erhalten, wer unser nächster Partner ist und wohin wir beruflich steuern. Algorithmen sind die heimlichen Herrscher in unserer digitalen Welt. Aber was verbirgt sich dahinter?

Algorithmen analysieren Daten

Algorithmen sind mathematische Formeln, die in Computerprogramme eingebaut werden – ähnlich einer Gebrauchs- oder Bauanleitung. Solche Programme „wühlen“ sich dann durch vorliegende Datenbestände, um, in einem sehr einfachen Beispiel, alle vorliegende Werte nach Größe zu sortieren.

In der Praxis führen diese digitalen Helfer einfache oder sehr komplexe Berechnungen auf Basis eines großen Pools eingespeister Daten durch und analysieren die Inhalte. Algorithmen selektieren, bewerten und sortieren, damit wir leichter Entscheidungen treffen und Informationen filtern können. Schauen wir beispielsweise auf Amazon: Auf der Basis unserer Aktivitäten, schlägt uns der digitale Kaufhausriese unsere zukünftigen Bestellungen vor. Wir müssen gar nicht mehr suchen, für uns wird bereits vorab selektiert.

Neu sind Algorithmen nicht, bereits vor mehr als 2000 Jahren nutzten schlaue Köpfe diese Methode. Schon im dritten Jahrhundert vor Christus schrieb Euklid „Die Elemente“, darin spielen Algorithmen eine Rolle. Eine besondere Macht haben sie in den vergangenen Jahren mit immer größerer Rechenleistung von Computern und der stark zunehmenden Datenmenge bekommen.

Algorithmen können mittlerweile Schrift, Sprache und Muster fast so gut erkennen wie Menschen. „In den USA lassen Unternehmen schon 70 Prozent der Bewerbungsunterlagen über Algorithmen prüfen, in Deutschland liegt die Zahl bei etwa sechs Prozent“, erklärte Felix Stadler, Professor für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung an der Zürcher Hochschule der Künste auf der re:publica 2017.

Watson hilft bei der Diagnose

Im Gesundheitswesen erhofft man sich von Algorithmen beispielsweise schnellere Diagnosen, bessere Therapieansätze und weniger Behandlungsfehler. Das Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York, eine der besten Krebsklinken der Welt, setzt Watson ein, ein Expertensystem von IBM. Watson greift auf aktuelle Studien, Fachliteratur und auf Daten von Millionen von Krebspatienten zu, analysiert sie und gleicht sie mit den Daten eines einzelnen Krebspatienten ab, um die beste Therapie zu ermitteln. Ein Arzt könnte diese Recherchearbeit niemals leisten.
Auch bei Naturkatastrophen wie Erdbeben und Wirbelstürmen baut man immer mehr auf die Berechnung durch Algorithmen, um auf entsprechende Ereignisse besser vorbereitet sein zu können.

 Algorithmen üben Macht aus

Wie bei allen Innovationen bringen uns mathematische Verknüpfungen im Hintergrund unserer digitalen Aktivitäten nicht nur Vorteile in der Medizin, der Vorhersage von Naturkatastrophen oder der bequemen Bestellung bei Amazon, sie bedeuten auch Gefahr.

Algorithmen verfolgen uns leise und unauffällig, das Missbrauchspotential ist groß. Computerprogramme greifen im Netz ständig unsere persönlichen Daten und Metadaten, unser Konsumverhalten, unsere Suchanfragen und unsere sozialen Bewegungen ab. Algorithmen wissen oft besser als unsere Familie und Freunde, was wir denken und fühlen. Vielleicht sogar besser, als wir selbst. Auf diese Weise werden wir zunehmend manipuliert und ferngesteuert, machen uns berechenbar. Oder woher weiß Amazon, welchen Musikwunsch ich als nächstes habe?

Kontrollinstanz notwendig

Wir als Internetnutzer dürfen uns nicht länger hilflos diesem undurchsichtigen Rechenspiel aussetzen. Wir brauchen eine unabhängige Kontrollinstanz, die die Qualität der Algorithmen – bestenfalls in Zusammenarbeit mit aber auch notfalls ohne die Kooperation von Unternehmen wie Google, Amazon, Facebook und Co. – bewertet und überwacht.

AlgorithmWatch ist beispielsweise eine Organisation, die sich für mehr Transparenz einsetzt: „AlgorithmWatch ist eine nicht-kommerzielle Initiative mit dem Ziel, Prozesse algorithmischer Entscheidungsfindung zu betrachten und einzuordnen, die eine gesellschaftliche Relevanz haben – die also entweder menschliche Entscheidungen vorhersagen oder vorbestimmen, oder Entscheidungen automatisiert treffen“, so steht es auf deren Website.

Und was nun? Vielleicht sollten wir demnächst einfach mal wieder in ein Konzert gehen, in einen Buchladen, eine Straßenkarte ins Auto legen, eine Maß im Biergarten trinken und eine Geburtstagskarte (mit Briefmarke) verschicken. Analog und algorithmenfrei ☺.

Kleiner Praxistipp: „Do Not Track“-Funktion aktivieren

Wir können die Datensammelwut und die Algorithmus-Maschinerie durch eine „Do Not Track“-Funktion im Browser etwas vernebeln. Alle großen Browser unterstützen die Funktion. Anbei eine Anleitung, wie „Do Not Track“ in den einzelnen Browsern eingestellt wird.

Hilft aber leider nur bei Angeboten, die das auch unterstützen (wollen).

 

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