Plädoyer für ein Handyverbot (nicht nur) an Schulen

Als Vater von vier Kindern im Alter zwischen 13 und 25 Jahren verfolge ich die Mediendebatte um ein Handyverbot an Schulen mit großer Aufmerksamkeit – und mit zumeist ärgerlichem Kopfschütteln. Warum die meisten Diskussionsrunden am eigentlichen Thema vorbeigehen (so wie auch Frank Plasbergs „Hart aber fair“) und was das alles überhaupt in meinem Datenschutz- und Privatsphäre-Blog zu tun hat, versuche ich mit diesen sechs Geboten darzulegen. Sie bedürfen aus meiner Sicht – mit gesundem elterlichen Erziehungsverstand betrachtet – kaum wissenschaftlicher Belege – und betreffen nicht nur Kinder:

  1. Gebot der Höflichkeit

    Meine Kinder lernten früh, dass sie laufende Gespräche nicht einfach unterbrechen dürfen, sondern warten müssen, bis sie an der Reihe sind. Das Gleiche gilt im Geschäft: Wenn ich gerade mit einem Kollegen spreche oder mich in einer Konferenz befinde, klingelt mein Telefon vergeblich. Im Kino, auf Veranstaltungen, bei ernsten Anlässen ist klar: Ein Anrufer ist nicht wichtiger, als die Menschen, mit denen ich mich gerade beschäftige. Lausche ich gerade einer interessanten Dokumentation und es brennt nicht die Hütte, muss eine Unterbrechung nicht sein. Absender von SMS, Chat-Messages und E-Mails sind in diesem Zusammenhang nichts anderes als Zwischenrufer. Sie müssen warten, bis ich meinen Dialog oder eine Veranstaltung beendet habe. Das muss ich aber selbst einrichten, da meine Gesprächspartner natürlich nicht wissen können, in welcher Situation ich mich gerade befinde. Folgerichtig bleibt mein Handy aus.

 

  1. Gebot der Konzentration

    Folge ich einer Debatte oder lausche einem Vortrag, ist es nicht nur ein Gebot der Höflichkeit, den oder die Redner nicht zu unterbrechen. Das dient auch der Konzentration auf das Thema. Ich kann nicht mehrere Dinge gleichzeitig mit maximaler Aufmerksamkeit erledigen. Schweife ich ab, gehen zwangsläufig immer Informationen verloren, und nicht nur das: Als jemand, der viele Jahre Software entwickelt hat, weiß ich aus eigener Erfahrung, dass sich jede Unterbrechung verheerend auf den Arbeitsfluss auswirken kann. Einmal aus der Konzentration gerissen, braucht es je nach Intensität des vorangegangenen Denkprozesses durchaus viele Minuten, den ursprünglichen Faden wiederaufzunehmen. Das kostet Nerven und schadet der Produktivität enorm. Die Störung muss also unterbunden werden. Im Klartext: Handy aus.

 

  1. Gebot der Langeweile

    Wer selbst Kinder hat, kennt das Genörgel über Langeweile. Wer es als Eltern geschafft hat, diese Forderung nach Fremd-Bespaßung einmal konsequent zu ignorieren, wird eine bemerkenswerte Entdeckung gemacht haben: Der Nachwuchs verzieht sich nach einer Weile knurrend in eine Ecke – und nimmt ein Buch zur Hand. Oder kramt Spielzeug aus Schubladen. Oder geht raus an die frische Luft zu anderen Kindern. Das alles unter einer Voraussetzung: Es liegt kein Smartphone in Reichweite. Dann hat nämlich zum Einen das Genörgel gar nicht stattgefunden und zum Anderen fläzen die Sprösslinge ohnehin schon geraume Zeit irgendwo auf einem Polster und chatten, zocken, gucken Videos und so weiter. Nur Langeweile fordert von Kindern – und nicht nur von Kindern – Kreativität. Der Leerraum will ausgefüllt werden. Ein Smartphone (und übrigens auch der Fernseher – die Debatte ist so alt wie die Erfindung des Bildschirms) zerstört diese Notwendigkeit des Selbst-Aktiv-Werdens und tötet dadurch jedes Engagement. Daraus folgt: Es ist wichtig, Handy-freie Zeiten zu definieren – und das noch aus einem anderen Grund:

 

  1. Gebot der suchtmittelfreien Zeit

    Laufen Kinder mit einem vollvernetzten Smartphone herum, werden sie ständig „angetriggert“, was bedeutet: Das Gerät verlangt nach Aufmerksamkeit. In aller Regel sind es Sprach- und Textnachrichten, die reinkommen und durch ein Signal auf sich aufmerksam machen. Zumeist gilt: je mehr Kontakte, desto häufiger. Und sind Spiele (insbesondere Online-Spiele) installiert, verschärft das die Situation noch. Als soziale Wesen reagieren wir natürlich auf die Signale unserer digitalen Begleiter, die wir zumeist noch mit schöner Akustik versehen haben. Daraus kann ein Suchtmechanismus entstehen, den insbesondere Spiele mit ihren Belohnungssystemen befeuern. Aber auch häufiges Angeschriebenwerden wird dann zum Problem, wenn es einmal ausbleibt. Insbesondere Kinder gewöhnen sich schnell an diese ständigen Ablenkungen, vermischt mit Spannung und Belohnung, wenn wieder etwas auf ihrem Gerät „passiert“. In der Trambahn konnte ich es vor einiger Zeit einmal nicht vermeiden, einer jungen Frau von schräg hinten über die Schulter zu blicken. Sie hatte ihr Handy gezückt, den Ordner „Soziale Medien“ geöffnet und blätterte ständig zwischen allen Kommunikations-Apps hin und her. Einzig: Es erschien keine neue E-Mail, keine SMS, keine WhatsApp- oder SnapChat-Nachricht, nichts auf Insta … nur das „Gezappe“, der dringende Wunsch nach News. Das fand ich erschütternd und konnte auch bei meinen Kindern beobachten, dass sie es sich sehr schnell angewöhnen, ihre Handys ständig aus der Hosentasche zu ziehen und darauf zu blicken, auch wenn nichts passiert. Auf Dauer werden sie hochgradig nervös. Rezept dagegen: Handys täglich für eine gewisse Zeit nicht mit sich herumtragen.

 

  1. Gebot des Datenschutzes

    Die meisten Kinder sind bereits in den Fängen der großen amerikanischen Datenkonzerne – sofern sie am „modernen“ Leben teilnehmen. Dank der Sorglosigkeit vieler Eltern und unserer schwachen Bundesregierung, aber auch der Naivität vieler Lehrer und sogenannter Medienexperten, nutzen sie Apps auf ihren Smartphones, die man aufgrund ihrer Datensammelei und Spionagetätigkeit eigentlich ohne Wenn und Aber vom deutschen und europäischen Markt verbannen müsste. Da die Lage aber ist wie sie ist, kann man als verantwortungsbewusste Eltern jetzt nicht einfach ein pauschales Verbot aussprechen. Oder, man kann es natürlich, aber damit würden wir unseren Sprösslingen den Zugang zu den sozialen Gefügen in ihren Schulen verwehren und ihre Kontakte zu Freunden massiv stören. Gleichwohl ist die Schule für Kinder eine erste wichtige Abnabelungsstation, eine Einrichtung, in der sie weitgehend auf sich selbst gestellt sind und sich zahllosen sozialen Herausforderungen ausgesetzt sehen. Da gehört die Nutzung elektronischer Medien in ein eigenes Unterrichtsfach – auf schuleigenen Geräten, versteht sich – und private Ablenkungs- und Belohnungssysteme haben Pause. Ebenso wie die damit untrennbar verbundenen Kameras, Mikrofone und Spionagefunktionen der Datenkraken. Heißt: Handys sind nicht nur überflüssig sondern unerwünscht.

 

  1. Gebot der Freiheit

    Und da wir gerade bei Spionagefunktionen sind: Leider gibt es auch immer mehr Eltern, die moderne Smartphones nicht nur im Interesse ihrer Kinder einsetzen. Sie verwanzen die Geräte, tracken jeden Schritt ihres Nachwuchses und versuchen die Kinder ständig online zu gängeln – alles unter dem Vorwand der Sorge um ihrer Sprösslinge Wohlergehen. Das ist kompletter Quatsch und dient nur einem Zweck: totaler Kontrolle. Wie sollen aus Kindern selbständige Menschen werden, wenn sie als Marionetten ständig an den digitalen Fäden ihrer Helikoptereltern hängen? Schlimm genug, dass die Kleinen jeden Tag auf dem Schulweg von Elterntaxis gefährdet werden, die ihre Brut am liebsten noch in die Klassenzimmer fahren würden; hat eine Schule nicht auch die Pflicht, sonstige Überwachung ihrer Schutzbefohlenen an ihrer Pforte zu unterbinden? Ich meine ja, und daher gibt es auch zur Erfüllung dieses Gebots nur eine Lösung: Handy weg.

Es gibt also viele Gelegenheiten und gute Gründe, Kindern (und auch uns Erwachsenen!) den Zugang zu einem Smartphone zumindest zeitweise zu versagen. Was spricht also dagegen, es gleich komplett aus bestimmten Räumen und Situationen, wie Schule, Hausarbeit, Familienmahlzeiten, Kultur- und Sport, zu verbannen? Richtig, gar nichts!

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Interview mit Adrian Jagusch von JUUUPORT.de: Datenschutz für Jugendliche

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