Europa ist Trittbrettfahrer von Amerikas IT-Infrastruktur

Sensible Daten, eine Veranstaltung in den Kammerspielen München © Judith Buss

„Wer besitzt ein Handy, das in Deutschland hergestellt wurde? “ Auf diese Frage von Yvonne Hofstetter meldet sich kaum jemand während ihres Vortrags auf der Konferenz „Sensible Daten – die Kunst der Überwachung“ in den Münchner Kammerspielen im Januar 2017. „Die meisten unserer elektronischen Geräte und Betriebssysteme stammen von amerikanischen Anbietern aus dem Silicon Valley. Wir nutzen ihre Infrastruktur gerne. Aber wir zahlen mit unseren Daten“, meint Hofstetter.

Wir sind zu Kostenlosigkeit erzogen worden

Wir alle spielen das Spiel mit: kostenlose Dienstleistung im Internet im Tausch gegen unsere Daten. „Wir sind vom Silicon Valley zu Kostenlosigkeit erzogen worden,“ kritisiert Hofstetter. Und die Folge? „Die Politik gestaltet schon längst nicht mehr unsere Systeme und unsere Gesellschaft, sondern große Technologieunternehmen.“

Sind wir in Europa zu bequem?

 Wir sind zur Kostenlosigkeit erzogen worden © knallgrün/photocase.de
Wir sind zur Kostenlosigkeit erzogen worden © knallgrün/photocase.de

Warum haben wir nur so wenige Produkte und Software „made in Europe“? „Europäische Unternehmen übernehmen gerne das vorhandene Know-how, weil es ja billiger ist, als selbst eine Infrastruktur aufzubauen.“

Google Android beispielsweise dominiert in Deutschland den Markt von Smartphones und Tablet-PCs. 76 Prozent nutzten laut Kantar Worldpanel das Google-Betriebssystem im November 2016. Danach kommt das Smartphone-Betriebssystem Apples iOS für iPhones und iPads mit einem Marktanteil von rund 20 Prozent.

Jeder darf den Quellcode von Google frei nutzen. Hardware-Hersteller müssen keine Lizenzgebühren an den Konzern zahlen und können die Software nach Bedarf anpassen. Zig Millionen Geräte basieren auf Android und sind in Smartphones, Tablet-PCs, Autos (Android Autos) oder in Messgeräten wie Fitness-Trackern vorzufinden. „Das könne uns hier in Europa noch teuer zu stehen kommen, wenn Google und sonstige Internet-Giganten mal die Verträge ändern“, warnt Hofstetter.

Gute Forscher wandern nach Amerika ab

Es ist ja nicht so, dass Deutschland keine klugen Köpfe hätte. „Die künstliche Intelligenz ist maßgeblich in Deutschland mitgestaltet worden“, weiß Yvonne Hofstetter, selbst Geschäftsführerin eines großen Big-Data-Unternehmens. „Allerdings sind viele und gute Wissenschaftler nach Amerika gegangen, weil sie dort bessere Arbeits- und Forschungsbedingungen vorgefunden haben.“

Das Ende der Demokratie

Das Ende der Demokratie, das Buch von Yvonne Hofstetter Cover: C. Bertelsmann
Das Ende der Demokratie, das Buch von Yvonne Hofstetter Cover: C. Bertelsmann

Auch in ihrem Buch „Das Ende der Demokratie“ möchte die Internet-Kritikerin wachrütteln. Sie belegt in brisanten Szenarien, dass wir gerade dabei sind unsere Privatsphäre zu verlieren. Insbesondere ihr Blick ins Silicon Valley zeigt, dass dort eine Digitalisierung vorangetrieben wird, die nicht unseren Vorstellungen von Demokratie entspricht. Danach, so warnt Yvonne Hofstetter, komme die Überwachung.

Obwohl oder weil Yvonne Hofstetter selbst einem Technikunternehmen vorsteht, das mit künstlicher Intelligenz Geld verdient, ist die gelernte Juristin eine ernstzunehmende Stimme für Deutschland und Europa.

Deutschland ruht sich auf seiner Vergangenheit aus

Ich persönlich kann mich diesem Standpunkt nur anschließen. Wir haben es versäumt rechtzeitig in wichtigen digitalen Technologien eine Führungsrolle zu übernehmen und weltweit Zeichen zu setzen. Deutschland ruht sich auf seiner Vergangenheit aus, aber im Zeichen von Industrie 4.0 werden Maschinen- und Fahrzeugbau künftig nicht mehr ausreichen, um eine führende Rolle als Wirtschaftsnation einzunehmen.

Beispiele gibt es auch abseits von Social-Media- und Software-Schmieden: Google & Co. machen unseren Autoherstellern mit ihren Initiativen bei der Mobilität bereits richtig Angst (zu Recht), nachdem sie jahrelang von dieser Seite des Atlantiks belächelt wurden. Die so wichtige Batterietechnik für elektronische Geräte und Fahrzeuge hat man leichtfertig aus Deutschland abwandern lassen, nur um jetzt neidvoll nach Kalifornien zu blicken. Und die deutsche Halbleiterindustrie verschwindet in der Bedeutungslosigkeit, um Firmen wie Intel das Feld zu überlassen. Das sind wesentliche Schlüsselindustrien (mit ehemals starker deutscher Präsenz), die unsere Zukunft gestalten werden.

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