Fünf Fragen an … Katharina Nocun

Katharina Nocun Foto: © Gordon Welters
Katharina Nocun Foto: © Gordon Welters

Katharina Nocun ist Netzaktivistin, Bloggerin und Buchautorin und engagiert sich in zahlreichen Verbänden für den Datenschutz. In ihrem Buch „Die Daten, die ich rief“ schreibt die studierte Ökonomin sehr anschaulich über ihr Verständnis von und ihren Kampf für mehr Privatsphäre. Amazon, Krankenversicherung, Payback und Geheimdienste – alle wollen sie unsere Daten und spätestens nach dieser Lektüre wird klar, warum wir uns in unserem digitalen Sein vor der Manipulation und Überwachung durch diese Datensammler schützen müssen.

Ein Gespräch mit der Buchautorin Katharina Nocun:

 Wir sind im Jahr 2018 – wie bewegen Sie sich in der digitalen Welt?

Wie die meisten Menschen denke ich meist nicht groß darüber nach, ob und wann ich online bin. Ab und zu bewusst ein paar Smartphone-freie Tage einzulegen ist mir persönlich zwar wichtig. Aber permanent offline sein zu müssen, würde ich als Qual empfinden. Technik ist für mich vor allem Freund und Helfer. Problematisch ist allerdings, dass viele der Dienste, auf die wir angewiesen sind, nicht auf Nutzerfreundlichkeit, sondern auf Werbeeinnahmen hin optimiert werden. Facebook, Instagram und Twitter werden niemals die bestmöglichen sozialen Netzwerke sein, die die Menschheit verdient hätte. Bei Themen wie Newsfeed-Filter und Datenschutz gibt es einen immanenten Konflikt mit dem Geschäftsmodell.

Das Internet steht den Menschen seit mehr als 25 Jahren zur Verfügung – was war Ihr persönlicher „Meilenstein“?

Gute Frage. In meiner Familie gab es so lange ich zurückdenken kann Computer. Zu Schulzeiten hatten dann nach und nach immer mehr Mitschüler einen Internetanschluss. Ein Meilenstein waren sicherlich die ersten Flatrate-Tarife fürs Internet. Zu Beginn war das ja eine durchaus kostspielige Angelegenheit. Die wirkliche Wende hin zu einer umfassenden Durchdringung des Alltags kam darauf aufbauend mit dem Smartphone. Mit einem Mal hatte man alle seine Dienste in der Hosentasche mit dabei. Das hat unser Verhältnis zu Technik nachhaltig verändert.

Von wem sollte ein Impuls kommen, um der Datensammelwut großer Unternehmen entgegenzuwirken?

Ich halte nichts davon, die Verantwortung allein auf das Individuum abzuwälzen und zu sagen: „Der Konsument könnte ja auch einfach mit den Füßen abstimmen.“ So einfach ist das nicht. Es gibt ein sogenanntes „Privacy-Paradox“, nach dem zwar viele Menschen sagen, ihnen sei Datenschutz wichtig, aber nicht danach handeln. Sprich, sie nutzen Dienste, die extrem übergriffig sind. Aber wir gehen ja nicht zu Facebook oder Instagram, weil der Service so toll ist, sondern weil alle anderen schon dort sind. Keiner hätte etwas dagegen, wenn Google weniger Daten von seinen Nutzern erfassen würde oder Daten zur Verbesserung des Dienstes vernünftig anonymisieren würde. Doch diese Option steht nicht zur Wahl.

Informationelle Selbstbestimmung hat abseits des Werts für das Individuum auch eine Funktion für die Gesellschaft. Edward Snowden hat das sehr schön auf den Punkt gebracht: „Das Argument, dass Ihnen das Recht auf Privatsphäre egal sei, weil Sie nichts zu verbergen hätten, ist nichts anderes als zu behaupten, Ihnen sei das Recht auf freie Meinungsäußerung egal, weil Sie nichts zu sagen hätten.“ Genauso wie die freie Presse nicht nur jenen nutzt, die Zeitung lesen, betrifft Datenschutz nicht nur Menschen, die ein individuelles Interesse am Schutz ihrer eigenen Daten haben.

Ohne staatliche Regulierung wird sich die Lage nicht verbessern. Die DSGVO ermöglicht höhere Maximalstrafen bei Datenschutzverstößen und das ist eine deutliche Verbesserung gegenüber der vorherigen Gesetzeslage.
Es braucht aber auch Impulse aus der Forschung. Wir brauchen kein europäisches Google oder Facebook, sondern ganz neue Technologien, die auf Dezentralisierung statt Plattformkapitalismus setzen. Dafür bräuchte es dringend mehr staatliche Forschungsgelder.

Worin sehen Sie die Herausforderungen für die nachfolgende Generation?

Ich habe mein Buch „Die Daten, die ich rief“ genannt, weil ich das Gefühl habe, dass jeder von uns heute umfassenden Datenschatten ansammelt, über den wir kaum Kontrolle mehr haben. Es ist eine Anspielung auf das Gedicht „Der Zauberlehrling“. Wir können gar nicht absehen, was für Folgen eine bestimmte Information eines Tages für uns haben wird.
Wir kennen die Analyse-Tools der Zukunft nicht. Wenn uns jemand vor zehn Jahren erzählt hätte, dass man eines Tages aus einer Handvoll Facebook-Likes die sexuelle Orientierung ablesen können wird, hätte das doch keiner geglaubt. Heute ist noch viel mehr möglich. Ich weiß nicht, was meine Mausbewegungen in zehn Jahren über meinen Charakter oder meine kognitiven Eigenschaften aussagen werden. Nur die wenigsten Anbieter nennen Löschfristen. Obwohl Unternehmen rechtlich dazu verpflichtet wären, Nutzern auf Anfrage eine vollständige Auskunft zu den über sie gespeicherten Daten zu geben, wird dies kaum umgesetzt. Informationelle Selbstbestimmung ist unter diesen Umständen ein Ideal, das für die meisten Menschen leider zunehmend unerreichbar ist. Das zu ändern ist eine der großen Herausforderungen für die nächste Generation.

Wie schützen Sie sich, um Ihre Privatsphäre zu wahren?

Ich versuche datensparsame Alternativen zu nutzen. Nicht zuletzt überlege ich genau, welchen Diensten ich welche Daten über mich anvertraue. Vor allem aber bin ich dazu übergegangen, nachzufragen und mein Recht auf Selbstauskunft intensiv zu nutzen. Denn nur wer weiß, welche Dienste was über einen speichern, kann sich selbst ein Bild davon machen. Sagen wir es einmal so: Ein Blick auf das Protokoll der letzten 15.000 bei Amazon getätigten Klicks ist das überzeugendste Argument dafür, auf Alternativen umzusteigen.

  • Wer Interesse an Aufklärungsliteratur rund um Datenschutz hat, der sollte sich das Buch „Die Daten, die ich rief“ unbedingt zu Gemüte führen.
  • Hier zum Blog von Katharina Nocun: kattascha’s Blog

    Vielen Dank für das Gespräch und weiter viel Erfolg für den Einsatz um die Privatsphäre!

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