Interview mit Medienpädagoge Björn Friedrich

Eine pauschale Altersempfehlung gibt es nicht

Brauchen bereits kleine Kinder und Grundschüler ein „Rüstzeug“, um kompetent mit ihren Daten umzugehen? Diese Frage hat die Schweiz mit einem klaren „Ja!“ beantwortet und Anfang Februar bekannt gegeben, dass sie dafür Unterrichtsmaterialien für Kinder zwischen vier und neun Jahre zur Verfügung stellt. „Geheimnisse sind erlaubt“, lautet das E-Book mit fünf Unterrichtseinheiten, die Datenschutzbeauftragte zusammen mit der Pädagogischen Hochschule Zürich entwickelt haben. Für die Kleinsten wurde ein dreiminütiger Trickfilm vorbereitet.

Medienpädagoge Björn Friedrich
Medienpädagoge Björn Friedrich

Wir haben dazu ein Gespräch mit dem Medienpädagogen Björn Friedrich geführt. Der Familienvater arbeitet bei SIN (Studio im Netz) in München. Er ist in der Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen tätig, hält aber auch Informationsveranstaltungen für Eltern, Lehrer und Pädagogen.

 

Darf ein vierjähriges Kind oder ein Grundschüler bereits mit digitalen Geräten ohne Begleitung von Erziehungsberechtigten in Kontakt kommen?

Nein, auf keinen Fall. Wir geben aber keine pauschalen Altersempfehlungen heraus. Man kann Kinder nicht über einen Kamm scheren. Das Eine ist früher für eine Mediennutzung reif, das Andere später.  

Vielleicht gelingt es Eltern, Kinder in diesem Alter noch weitgehend ohne Smartphone oder sonstigen elektronischen Geräte aufwachsen zu lassen. Wenn es dann im Kindergarten oder in der Schule ein Thema wird, dann ist das eine „Einladung“, diese Geräte zu nutzen.

Ja, vielleicht. Dennoch ist die Entwicklung nicht aufzuhalten. Leider sind viele Eltern nicht einsichtig, was den Gebrauch beziehungsweise Nichtgebrauch von Handygeräten angeht. Es wird immer andere geben, die bereits ein Smartphone haben. Dann werden die eigenen Kinder damit konfrontiert und wollen natürlich auch eins. Ich muss als Erziehungsberechtigter entscheiden, wann mein Kind ein Smartphone bekommt und wie es das nutzt. Eltern sollten ihren Nachwuchs dabei beraten und begleiten, auch vertragliche Regelungen sind nützlich. 


Die eigene Privatsphäre spielt bei Kindern in diesem Alter noch keine so große Rolle. Könnte die Konfrontation mit dem Thema Datenschutz das Urvertrauen eines Kindes schädigen?

Meiner Meinung nach muss man Kinder in diesem Alter damit konfrontieren, dass es Gefahren im Leben gibt. Die Analogie zum Straßenverkehr ist natürlich abgenutzt, aber dennoch treffend: Wenn ich mit meinem Nachwuchs auf die Straße gehe, dann sage ich ihm, dass es beim Überqueren der Straße aufpassen muss. Wenn es mit einem elektronischen Gerät unterwegs ist, muss ich ebenfalls auf die Gefahren in der digitalen Welt hinweisen. Informationsveranstaltungen für Eltern, Lehrer und Pädagogen.

Auch Sie haben bei SIN Materialien zum Datenschutz entwickelt. Welche Erfahrungen haben Sie damit? 


Die Materialien sind nach den Snowden-Enthüllungen 2013 entstanden. Wir wollten Datenschutz und Privatsphäre für Jugendliche greifbar machen, indem wir beispielsweise aufzeigten, wie private Daten von uns allen bei Konzernen oder Geheimdiensten ausgewertet werden. Daraus ist dann eine Aktionswoche entstanden und später eine Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildungsarbeit . Mittlerweile gibt es auch Schulungsmaterial für Kinder im Kindergarten und Grundschulalter. Die Kleinen interessieren sich in der Regel erst mal nicht für das Thema Datenschutz, aber mit der spielerischen Einführung werden sie neugierig und zeigen dann Interesse. 

Was halten Sie vom DigitalPakt Schule?

(Anmerkung: Mit dem DigitalPakt Schule wollen Bund und Länder in Deutschland für eine bessere Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik sorgen.)

Das ist längst überfällig. Es ist nur ein Anfang, weil mit dem Pakt erst einmal in die technische Ausstattung der Schulen investiert wird. Aber es geht nicht nur um Technik, sondern auch um Menschen. Das wäre dann der nächste Schritt. Lehrkräfte sollten die Technik auch gut im Unterricht einsetzen können. Zusätzlich müssen Unterrichtsmaterialien erstellt bzw. angepasst werden. 

Wie halten Sie es persönlich mit der Mediennutzung Ihrer Kinder?

Der Schuster hat immer die schlechtesten Schuhe (lacht). Bei meinem achtjährigen Sohn und meiner vierjährigen Tochter sind Medien nicht grundsätzlich verboten. Meine Tochter darf mal eine Spiele-App nutzen oder ihre Lieblingsserie anschauen. Mein Sohn hört gerne ein Hörspiel oder nutzt eine Spielkonsole. Aber es ist streng reglementiert, mit zeitlichen Auflagen, ohne Zugang zum WLAN. Unser Ziel ist es, die Kinder so zu erziehen, dass sie die Geräte eigenverantwortlich einsetzen können. Dabei begleiten wir sie.

„Eigenverantwortlich“ – das ist das Stichwort. Wie kann ich Kinder dazu erziehen, dass sie eigenverantwortlich mit den Geräten umgehen?


Indem ich sie dazu anleite, kritisch nachzudenken und Sachen zu hinterfragen. Warum sind beispielsweise so viele Apps und Spiele kostenlos, wie können sich die Anbieter finanzieren? Welche Daten will ich dort preisgeben, welche Fotos und Videos will ich wo veröffentlichen? Mit derartigen Fragen müssen wir die Kinder frühzeitig konfrontieren, um sie nicht zu passiven Usern, sondern zu mündigen Menschen zu erziehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr Material von Studio im Netz:
https://www.studioimnetz.de/projekte/watchingyou/sowie die Kinder-Info-App KABU, www.kabu-app.de.

Das Interview führte Andrea Rickert

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