Wir haben das Netz in der Hand (aus: Das gekaufte Web)

Sieben Thesen für ein besseres Internet von Michael Firnkes

Das gekaufte Web
Das gekaufte Web, Michael Firnkes, Buchbesprechung

In seinem Buch „Das gekaufte Web – Wie wir online manipuliert werden“ blickt Michael Firnkes
anhand vieler praktischer Beispiele hinter die Kulissen der Internetindustrie, zeigt Missstände auf, weist auf Manipulationen hin und ermutigt den Leser, nicht tatenlos hinzusehen. Firnkes bezeichnet sich selbst als Webworker, der vom und im Internet lebt. Hier seine sieben Thesen für ein besseres Internet (gekürzte Fassung).

1. Auseinandersetzung schafft Veränderung

Mal ehrlich: Bislang betrachten die meisten Nutzer das Internet als bunte und vor allem kostenlose Spielwiese. Diese Unbedarftheit ist gut, denn sie lässt Neues entstehen. Aber es lauern viele Gefahren im Netz. Wir brauchen eine Diskussion um Missstände wie Datenmissbrauch, Spionage, Netzkriminalität und Onlinemanipulation. Sie ist dringend notwendig,  um uns selbst zu schützen. Nur eine gemeinsame Öffentlichkeit sorgt dafür, dass der digitale Wildwuchs nicht noch weiter ausufert.

2. Die „Digitale Elite“ muss sich positionieren

Digitale Elite sind z.B. Portal- und Onlineshop-Betreiber, die Blogosphäre,  Medienverantwortliche der Verlage, Hersteller und Betreiber von Diensten wie Smartphone-Apps, Marketing- und Agenturmitarbeitern sowie Freiberufler im Bereich Onlinemarketing. Diese Elite ist einerseits der Motor für zahlreiche innovative Onlineprojekte und nützliche Technologien. Sie sollte sich auf der anderen Seite aber auch mit der Frage auseinandersetzen, welche Anzeigeformen aus welchen Gründen als fair oder unfair betrachtet werden. Dürfen beispielsweise Daten gesammelt werden, wann sollte Aufklärungsarbeit stattfinden oder welche gemeinsamen Standards und Selbstverpflichtungen sollten eingehalten werden.

3. Unternehmen brauchen klare Meinungen, aber auch Grenzen

Die Jagd nach Online-Anzeigenkunden ist groß. Es gibt kaum Möglichkeiten, Medienanbieter in die Schranken zu weisen, die auf verdeckte Schleichwerbung setzen oder die Suchmaschinenmanipulation unterstützen, indem sie Links verkaufen. Beides verzerrt nicht nur den Markt. Es sorgt zudem dafür, dass selbst seriöse Medien ihre einst guten Grundsätze über Bord werfen, um zumindest teilweise mithalten zu können.

4. Transparenz hat ihren Preis

Die Konsumenten im Netz sollten sich damit abfinden, dass gute und neutrale Inhalte nicht umsonst zu bekommen sind. Diese Maxime klingt zwar selbstverständlich, dennoch handeln wir nicht nach ihr. Wir freuen uns über soziale Netzwerke, welche die Kommunikation vereinfachen, die uns aber gleichzeitig auf Schritt und Tritt verfolgen. Wir werfen dem Journalismus  gravierende Fahler vor, vertrauen aber im selben Augenblick auf andere Medienangebote, um deren Neutralität es bei Weitem schlechter bestellt ist. Und wir setzen auf die Schnäppchenjagd im Internet, die allzu oft inszeniert ist und von gefälschten Anreizen angetrieben wird. All diese Inhalte mittels bunt blinkender und vom Content losgelöster Werbebanner zu refinanzieren, hat sich längst als Utopie erwiesen. Nun wandert die Monetarisierung quasi in den Untergrund ab.

5. Journalismus ist wichtiger denn je

Der Journalismus hat die Wahrheit nicht für sich gepachtet. Dennoch benötigen wir die traditionellen Medien dringender denn je. Die aktuelle Stimmenvielfalt des demokratischen Webs, das Gegeneinander-Anschreiben unterschiedlichster Interessenslager, die fahrlässig oder absichtliche Verbreitung von Halbwahrheiten, die im Lauf ihrer Social-Media-Karriere nicht gerade verlässlicher werden, sind nicht die Lösung.  Kleine und große Online-Medien müssen an einem Strang ziehen, um gemeinsam tragfähige Modelle zu entwickeln. Wir brauchen medienübergreifende Bezahlmodelle, neues Vertrauen in Medien und fundierte Recherche anstatt oberflächlichen Bürgerjournalismus. Ähnlich wie Journalisten sollten auch Blogger ihre Stärken betonen, aber auch ihre Grenzen kennen.

6. Der Gatekeeper steckt in uns. Und er ist ein Chance

Je öfter Portalbetreiber, Verlage, Redaktionen und die werbende Industrie merken, dass wir uns mit ihren Methoden auseinandersetzen, umso achtsamer agieren sie. Das Gleiche gilt für politisch motivierte Polemiken, die nicht dem Verständnis dessen entsprechen, was Sie sich bezüglich einer begründeten Berichterstattung, der sauberen Recherche oder dem fairen Umgang mit einzelnen Personen erhoffen. Manchmal reicht eine einfache, konstruktiv formulierte Frage innerhalb eines Kommentars aus. Sie macht dem Anbieter, Autor, Blogger, Journalisten oder einem anderen Nutzer klar, dass er die Grundregeln einer Kommunikation verletzt, die auf gegenseitiger Achtung basiert. Wenn sich genügend Leser beteiligen, gewinnt die Stimme der Vernunft.

7. Digitale Mündigkeit kann man lernen

Letztendlich ist unsere gesteigerte Achtsamkeit – egal ob es um das gekaufte Web, den Datenschutz oder die globale Überwachung geht – ein Signal. Wir können das weltumspannende Netzwerk mitgestalten und zu einem offeneren Ort machen. Je mehr Nutzer sich in diesem Sinne zusammenschließen, umso eher kann der Traum wahr werden, zumindest einen Teil des World Wide Web vor kommerziellen und steuernden Interessen zu schützen.

Michael Firnkes

Aus: Das gekaufte Web – Wir wir online manipuliert werden.
Verlag: Heinz Heise, 324 Seiten, 18,95 Euro (D), ISBN: 978-3-944099-08-8

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