Mit Big Data mehr Demokratie schaffen

CorrelAid ist ein Netzwerk bestehend aus ehrenamtlichen Daten-WissenschaftlerInnen, das mit seinem innovativen Umgang mit Daten und seiner sozialen Haltung die Welt verändern möchte. Die Datenanalyse-Beratung wurde 2015 von Johannes Müller gegründet. Der studierte Datenexperte hatte den Wunsch, soziale Organisationen, deren Daten und StudentInnen sowie junge DatenanalystInnen zusammenzubringen. Wir haben mit Johannes Müller gesprochen:

Johannes, wie bist du auf die Idee von CorrelAid gekommen?

Ich bin über Umfrageforschung und Statistik in meinem Studium zur Datenanalyse gekommen und wollte meine Kenntnisse nicht nur im Rahmen von Hausarbeiten – die danach in der Schublade verschwinden – anwenden. Dabei bin ich auf die amerikanische Organisation DataKind gestoßen, die Data Scientists mit Non-Profit-Organisationen (NPO) auf sogenannten Hackathons zusammenbringen. Die Idee fand ich klasse, aber leider ist DataKind nicht in Europa aktiv. Dann habe ich einfach mal eine Mail über verschiedene Studenten-Verteiler geschickt, um Leute zu suchen, die in Deutschland etwas Ähnliches aufbauen wollen. Das war der Anfang von unserem dezentralen Netzwerk. Erst als wir nach einem halben Jahr unser erstes Projekt abgeschlossen hatten und uns zu einem ersten Kick-Off in Berlin getroffen haben, traf ich die meisten Leute in Person zum ersten Mal.

Big Data ist ein sehr lukratives Geschäft. Mit Daten und Datenanalysen verdienen einige Konzerne Milliarden – wohlgemerkt mit unseren Daten. Wie betrachtest du das?

Big Data ist erst einmal ein großes Wort und was damit gemeint ist, hängt stark vom Kontext ab. Harvard Professor Gary King hat einmal gesagt: „Big Data is not about the Data“. Was er damit meint: Die eigentliche Revolution hat nicht in erster Linie was mit den Daten zu tun, sondern hängt vielmehr mit den neuen, mächtigen Verfahren zur Datenanalyse zusammen: Verfahren wie Predictive Modelling, Deep Learning, Live-Mining von Social Media Daten, etc. bieten ein riesiges Potential. Diese Fortschritte im Umgang mit Daten sind nicht per se ein Problem und eigentlich eine großartige Errungenschaft. Was mir aber Sorgen macht ist, dass sich dieses Potential in den Händen von großen Tech Companies konzentriert. Dort wird es dann genutzt, um zum Beispiel mit Mircotargeting im Marketing sehr viel Geld zu verdienen.
Ich bin aber überzeugt, dass wir auch als Gesellschaft dieses Potential nutzen sollten, um soziale Probleme zu lösen und dieses Feld nicht den großen Konzernen überlassen sollten. Mit CorrelAid ist unser Ziel, das Potential der neuen Technologien zu demokratisieren.

Kannst du uns ein konkretes Beispiel nennen, wo ihr Daten für eine soziale Organisation aufbereitet habt, woher die Daten dazu kamen und wie diese Ergebnisse dann genutzt wurden?

In einem Projekt haben wir mit dem europäischen Jugendparlament gearbeitet. Diese Organisation bringt überall in Europa Jugendliche auf Konferenzen zusammen, um über die gesellschaftlichen Herausforderungen in Europa zu diskutieren. Da diese Konferenzen aber mit einem finanziellen und logistischen Aufwand für die TeilnehmerInnen verbunden sind, haben sich die Organisatoren gefragt, ob vielleicht Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien außen vor gelassen werden.

Johannes Müller gründete CorrelAid
Johannes Müller gründete CorrelAid

Da kommen wir ins Spiel. Wir haben uns die Mitgliederdaten vorgenommen und uns angeschaut, wie die sozioökonomische Verteilung bei den regionalen Konferenzen aussieht und wer zu den Konferenzen geht. Darauf aufbauend haben wir Vorschläge gemacht, wie man die Förderprogramme am besten gestalten könnte.

Die Daten waren natürlich anonymisiert und wir waren an den aggregierten über die Regionen verteilte Daten interessiert und weniger daran, was der oder die einzelne TeilnehmerIn so macht. Trotzdem haben wir bei CorrelAid ein umfangreiches Informationssicherheitsprotokoll. Um den ethischen und technischen Anforderungen gerecht zu werden, haben wir ein internes Blind-Review-Verfahren (Anmerkung der Redaktion: Ein Doppelblind-Gutachten, bei dem der Autor nicht erfährt, wer der Prüfleser ist und umgekehrt.)

Wer arbeitet bei CorrelAid mit und wie finanziert ihr euch?

Wir sind mittlerweile ein Netzwerk von 500 ehrenamtlichen DatenanalystInnen aus ganz Deutschland und ein sehr diverses Netzwerk: Vom Sozialwissenschaftler bis zur Naturwissenschaftlerin; es sind fast alle Studiengänge vertreten. Unsere bisherigen 10 Projekte haben wir ohne große finanzielle Mittel umgesetzt. Bisher arbeiten alle bei uns ehrenamtlich, inklusive mir.

Der konkrete Arbeitsprozess sieht folgendermaßen aus: Wenn ein neues Projekt ausgesucht wurde, schreiben wir das in unserem Netzwerk aus. Aufgrund der Bewerbungen stellen wir dann ein kleines 3 bis 7-köpfiges Projektteam zusammen. Uns ist dabei die Diversität sehr wichtig. Dieses Team kümmert sich dann eigenständig um das Projekt.

Derzeit sind wir auf der Suche nach Funding-Möglichkeiten, um zumindest eine Vollzeitstelle schaffen zu können.

Wie hältst du es persönlich mit dem Datenschutz, wenn du dich im Internet bewegst?

Da sind ja zwei Dinge wichtig: Datenschutz und Datensicherheit.
Bei Erstem ist es für mich wichtig, dass ich mich kritisch damit auseinandersetze, welche Daten ich bei einem Webservice angeben möchte und wie diese verwendet werden, z.B. bei einem Login-Prozess nutze ich nicht mein Facebook- oder Google-Profil.
Was Datensicherheit betrifft könnte man immer noch mehr machen. Hier achte ich zum Beispiel darauf, in öffentlichen Netzwerken VPN Verbindungen zu nutzen und Synchronisierungs-Aktivitäten von Cloud-Services zu reduzieren und zu kontrollieren.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen CorrelAid viel Erfolg!

Das Interview führte Andrea Rickert.

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