Stalking für einen günstigen Tarif

Artikel am 14. September 2017 erstellt, am 03. Mai 2019 aktualisiert. 

Die Finanz- und Versicherungsbranche möchte (natürlich) ihre Kunden gut kennen, um daraus Schlüsse für zukünftige Verträge zu ziehen. Auf welche Methoden sie dabei zugreift, dürfte insbesondere Menschen nicht besonders gefallen, die ihr Privatsphäre schätzen.

Facebook-Einträge entscheiden über Vertrag

Firstcarquote ©Z2sam / photocase.de
Firstcarquote ©Z2sam / photocase.de

Im Herbst 2016 kam der britische Autoversicherer Admiral mit einem neuen Produkt auf den Markt – die Firstcarquote (Erstwagenversicherung). Bei diesem Tarif wollte Admiral vor Abschluss der Versicherung die Facebook-Einträge nutzen, um mehr über den Versicherten und sein Risikoverhalten zu erfahren. Neukunden sollten der Versicherung die Erlaubnis geben, ihr Nutzungsverhalten bei Facebook zu betrachten. Admiral suchte dann nach Persönlichkeitsmerkmalen, die darauf hinwiesen, dass der Fahrer verantwortungsbewusst agiert und lockte bei entsprechender Erkenntnis mit niedrigen Beiträgen.

Womit Admiral sicher nicht gerechnet hatte: Starker Gegenwind kam von Facebook. Das soziale Netzwerk teilte mit, dass diese Praktiken gegen die Richtlinien von Facebook verstoßen würden. Damit war die Firstcarquote erst einmal hinfällig.

Firstcarquote zum Zweiten

Admiral wollte sich damit nicht zufrieden geben und startet einen neuen Anlauf. In der neu entwickelten App Firstcarquote gibt es ein obligatorisches Facebook-Login. Dabei werden allerdings keine Beiträge gescannt, sondern ausschließlich Account-Daten wie Name, E-Mail-Adresse und Geschlecht verlangt. Die Charaktereigenschaften werden dann zusätzlich in einem Persönlichkeitstest abgefragt, die der Versicherungswillige durchlaufen muss.
„Je mehr wir über das Verhalten unserer Kunden wissen, desto besser können wir ihnen einen an ihr individuelles Risiko angepassten Preis geben“, erklärt Admiral in einer Pressemitteilung.

Klar, dass Versicherungen möglichst detaillierte Daten von jungen Neukunden suchen. Sie sind sozusagen noch „weiße Blätter“, haben kein ausgereiftes Profil, da sie altersbedingt noch nicht viele Geschäfte abwickeln konnten.  

Telematik-Tarif bei HUK-COBURG und Allianz

Wer besser fährt, spart bares Geld. Damit wirbt die HUK-COBURG seit April 2019 mit einem Telematik-Tarif.  Kfz-Versicherte können dann bis zu 30 Prozent sparen. Erfasst wird das Fahrerhalten mit einem Telematik-Sensor und der App „Mein Auto“.  Auf die Twitterfrage eines Nutzer, wer denn bestimme, was „besser fahren sei“, antwortete die Versicherung: „Das Partnerunternehmer HUK-COBURG Datenservice- und Dienstleistungen GmbH bewertet das Fahrverhalten auf der Grundlage wissenschaftlich anerkannter mathematisch-analytischer Modelle und Verfahren unter Berücksichtigung der verschiedenen Kriterien.“ Die DSGVO würde dabei natürlich berücksichtigt, so das Unternehmen.

Auch die Allianz hat ein Telematik-Angebot, dass Einsparungen bis zu 30 Prozent verspricht.  Damit werben die beiden größten Kfz-Versicherungen für fahrstilgebundenen Tarif.

Ausziehen für den günstigen Tarif

Der Versicherungs- und Finanzsektor versucht über Persönlichkeitstests und andere Datenquellen – insbesondere auch aus sozialen Medien – möglichst viel über potentielle Kunden herauszufinden.

Dass Versicherte sich ungewollt „nackt“ machen müssen, mit dem Lockmittel von Rabatten darf aus ethischen und Datenschutzgründen nicht sein. Damit wird auch das Prinzip der Solidargemeinschaft – das vor allem auch in der gesetzlichen Krankenversicherung gilt – durch die Hintertür ausgehebelt.

Daneben sehe ich die Gefahr, dass Nutzer ihr Verhalten anpassen. Wenn mir bewusst wird, dass ich möglicherweise nur einen Kredit oder einen günstigen Versicherungstarif bekomme, wenn ich „saubere“ Facebook-Einträge nachweisen kann, dann hat das nichts mehr mit freier Kommunikation zu tun. Der lässige Kontakt unter Freunden wird zu einem weißgewaschenen Geplapper. Vielleicht passt eine politische Einstellung zukünftig auch nicht mehr zu meinem Versicherungstarif!?

Instagram verrät depressive Stimmungen

Noch heikler ist die Durchsuchung von Online-Profilen, um zu überprüfen, ob bei Nutzern eine Krankheit vorliegt. Das wurde kürzlich in einer Studie untersucht. Die beiden US-Forscher Andrew G. Reece und Christopher M. Danforth überprüften 166 Instagram Accounts, bei 43 Prozent wiesen die Inhalte auf eine Depression bei ihren Inhabern hin. Die Frage der Forscher war: Kann ein Computer mithilfe von Machine-Learning anhand der Fotos die psychische Erkrankung der Teilnehmer aus der Gruppe erkennen? Mit 70 Prozent lag die Erkennungsquote der Computer sehr hoch und identifizierte so die Patienten.

All diese sensiblen und (nicht) validen Informationen sind für Versicherungen und sonstige Datengierige natürlich sehr interessant. Wir alle werden unsere Persönlichkeit verbergen müssen, um datentechnisch nicht missbraucht zu werden. Das Internet verkommt zum Rollenspiel-Platz.

 

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