Was ist … Tor?

Das technische Konzept „The Onion Router“, kurz Tor, bietet verschlüsselte und anonymisierte Kommunikation im Internet. Es wurde von dem Mathematiker Paul Syverson im Jahr 1995 für die amerikanische Marine entwickelt, um Agenten den Nachrichtenaustausch zu erleichtern und ihre Identität zu schützen. Das Grundprinzip entspricht dem Kinderspiel der geheimen Flüsterpost: Wer eine Nachricht mitteilen möchte, übermittelt diese nicht direkt an den Empfänger, sondern flüstert sie dem Nachbarn ins Ohr, dieser dann dem nächsten und so weiter bis die Botschaft schließlich beim Empfänger landet. Im Unterschied zur Kindergeburtstagsvariante, sind die Zwischenstationen bei Tor jedoch keine Personen, sondern Computer, und sie machen auch keine (lustigen) Übertragungsfehler.

Die Bezeichnung Zwiebel (englisch Onion) ist Programm: Die wertvolle Datenfracht wird verschlüsselt, von vielen undurchsichtigen „Schalen“ geschützt und gelangt im Originalwortlaut ans Ziel – ohne dass der Empfänger den Absender oder dessen Standort ermitteln könnte. Tor-Server (Knoten) werden von Nutzer-Communities – aber auch von Firmen und Behörden – betrieben und sind über die ganze Welt verteilt. Ihre Internet-Namen bestehen aus kryptischen Zeichen mit der Endung .onion und bei Handelstransaktionen ist der Bitcoin die Währung der Wahl.

Tor spaltet die Gesellschaft

So viel Sicherheit hat natürlich auch ihre Schattenseiten, und so sind wir bereits bei dem Thema, das die Öffentlichkeit spaltet: Waffen, Auftragskiller, Drogen, Kinderpornographie. Die im Tor-Netzwerk genutzte Variante des World Wide Web – zu allem Überfluss auch noch als Darknet bezeichnet – öffnet Menschen, die Kriminelles im Sinn haben, jede Menge Möglichkeiten für ihre illegalen Machenschaften. Es ist wie bei jedem anderen genialen Werkzeug: Man kann es für Gutes wie Schlechtes gleichermaßen benutzen.

Dazu kommt: Eintritt ins Darknet ist einfach –  kaum komplizierter als normales Internet-Surfen: Zugang erlangt man mit einem Tor Browser. Dieser stellt die Verbindung her, und außer deutlich größeren Latenzen (verursacht durch die vielen zwischengeschalteten Knoten auf dem Weg zum Ziel-Server), gibt es kaum Hindernisse
(mehr zu technischen Hintergründen). Wie beim Internet das WWW, ist auch das Darknet nur einer von vielen Diensten, die über die Tor-Infrastruktur laufen: Die Technik ermöglicht ebenso verschlüsselte Mailverbindungen, Chats, Videoübertragungen etc.

Nun könnte man die Frage stellen, warum Tor nicht nur Militärs und Geheimdiensten zur Verfügung gestellt wird. Dann wären Kriminelle außen vor. Der Grund ist einfach: Nur in einer riesigen Datenmenge fallen die Übertragungen der Schlapphüte nicht auf. Neben den technischen Maßnahmen, ist es die schiere Informationsflut von Millionen Nutzern, die das Netzwerk so sicher macht. Dessen Nutzung durch Firmen und Privatpersonen ist also ausdrücklich erwünscht – und seit 2004 möglich.

Sicherheitspolitiker bekämpfen Tor

Sehr fragwürdig sind mittlerweile populistische Initiativen von Politikern, die die Nutzung von Tor durch Privatpersonen am liebsten verbieten würden. In einer Demokratie gebe es keinen legitimen Nutzen für das Darknet, sagte etwa Dr. Günter Krings, Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium Anfang des Jahres auf dem Europäischen Polizeikongress. Wer das Darknet nutze, der führe in der Regel nichts Gutes im Schilde, so der Politiker. Im März einigte sich der Bundesrat darauf, dass es einen neuen Straftatbestand (§ 126a) für das Betreiben von Darknet-Handelsplätzen geben wird. Strafbar würde sich beispielsweise machen, wer einen Knoten des Tor-Netzwerks unterhielte. Der Gesetzesentwurf wird demnächst dem Bundestag vorgelegt (zum Gesetzesentwurf).

Recht auf digitale Anonymität ist Bestandteil unserer Demokratie

Natürlich kann keiner die kriminellen Machenschaften gutheißen. Und es ist auch wichtig, zwischen dem Darknet und anderen Tor-Diensten zu unterscheiden. Wer uns Bürgern aber die Möglichkeit eines privaten oder anonymisierten Informationsaustauschs nehmen möchte, hat nicht verstanden, auf welchen Säulen Demokratie ruht. Es gibt Menschen, die müssen kommunizieren, ohne dass ihre Identität auffliegt, weil sie sonst um ihre Freiheit oder gar ihr Leben fürchten müssen. Dazu gehören Oppositionelle von Diktaturen, investigative Journalisten, Whistleblower oder Menschenrechtsaktivisten.

Aber es gibt auch Leute wie mich: Nur weil meine Familie und Freunde möglicherweise nicht immer in meinem Wohnzimmer sitzen können, haben andere Menschen nicht das Recht, unsere private Kommunikation – und sei es nur über das Mitschneiden von Metadaten – auszuwerten.

Man muss heutzutage kein Krimineller sein, nicht in der Türkei als Oppositioneller leben oder in China für Menschenrechte eintreten, um von Tor zu profitieren. Dieser Ort der digitalen Anonymität ist essenziell für unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft, Herr Dr. Krings. Denn Missstände, die beispielsweise in den Panama Papers aufgedeckt wurden, kämen ansonsten schwerlich ans Licht. Die international tätige Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ schreibt: „Das Darknet ist einer der letzten Teile des Internets, in dem Menschen noch immer anonym und geschützt vor geheimdienstlicher Überwachung kommunizieren können.“

Es gibt nicht mehr Kriminalität durch das Darknet, die Wege der dunklen Geschäfte haben sich verändert. Ermittler müssen den Pfaden der kriminellen Welt folgen. Das zeigt der jüngste Erfolg einer polizeilichen Ermittlung gegen drei Männer, die den größten Drogenumschlagsplatz im Internet verantwortet haben. 

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